Abtreibungszahlen

I. Offizielle Zahlen

Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden meldet seit 1996 jährlich rund 130.000 Abtreibungen. Das entspricht der Einwohnerzahl einer Stadt von der Größe Würzburgs oder Potsdams.

102.802 (2013)
106.815 (2012)
108.867 (2011)
110.431 (2010)
110.694 (2009) 
114.500 (2008)
116.871 (2007)
119.710 (2006) 
124.023 (2005)
129.650 (2004)
128.030 (2003)
130.387 (2002)
134.964 (2001)
134.609 (2000)
130.471 (1999)
131.795 (1998)
130.890 (1997)
130.899 (1996)

Der Rückgang der gemeldeten Abtreibungszahlen bedeutet leider nicht jedesmal, dass auch tatsächlich seltener abgetrieben wird. Das wird deutlich, wenn man die absoluten Abtreibungszahlen in Beziehung zu anderen aus Wiesbaden gemeldeten Zahlen setzt, wie der Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter und der Zahl der Lebendgeburten.

Zwischen 1996 und 2004 sank laut dem Statistischen Bundesamt die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter (15 - 45 Jahre) von 17,11 auf 16,58 Millionen.

Im gleichen Zeitraum sanken die Lebendgeburten von 796.013 (1996) auf 705.622 (2004). Folglich stieg der Anteil der Abtreibungen an den Lebendgeburten zwischen 1996 und 2004 von 16,4 % auf 18,4 %.

Quelle: Statistisches Bundesamt

Das bedeutet, dass bereits nach der offiziellen Abtreibungsstatistik jedes 6. Kind, das hierzulande gezeugt wird, auch abgetrieben wird.


II. Dunkelziffer-Problematik

Das Bundesinstitut für Bevölkerungswissenschaft (BiB) beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden geht davon aus, dass die offizielle Abtreibungsstatistik nur rund 60 % der Abtreibungen erfasst.

Quelle: Bevölkerung, Sonderheft der
Schriftenreihe des BiB, 2. Aufl. 2004, S. 31.

Generell werden von der Abtreibungsstatistik nicht erfasst:

  • Abtreibungen, die Bundesbürgerinnen im Ausland durchführen lassen
  • Abtreibungen, die von Ärzten unter falschen Ziffern abgerechnet werden
  • Sogenannte Mehrlingsreduktionen nach In-vitro-Fertilisation (per Kalium-Chlorid-Spritze ins Herz des Embryos, wobei der Embryo später vom Mutterleib synthetisiert wird)
  • Abtreibungen, die heimlich durchgeführt werden

Aber auch die Erfassung der einfacher erfassbaren Abtreibungen ist lückenhaft. 


III. Schwierigkeiten bei der Erfassung der Hellziffer

Die Erfassung von Abtreibungen vollzieht sich bislang wie folgt:

  • Laut § 18 Abs. 3 Schwangeren- und Familienhilfeänderungsgesetz haben die Landesärztekammern dem Statistischen Bundesamt die Anschriften von Ärzten zu schicken, in deren Einrichtungen „nach ihren Kenntnissen“ Abtreibungen vorgenommen worden sind oder vorgenommen werden sollen.
  • Desweiteren sollen die zuständigen Gesundheitsbehörden, dem Statistischen Bundesamt Krankenhäuser melden, in denen Abtreibungen vorgenommen werden.
  • Auf Grundlage dieser Meldungen lässt das Statistische Bundesamt den Ärzten und Krankenhäusern dann einen „Erhebungsbogen“ zukommen. Die Antworten werden ausgewertet.
  • Da es in den Bundesländern kein einheitliches Verfahren zur Erfassung der Ärzte und Krankenhäuser, in deren Einrichtungen Abtreibungen durchgeführt werden, gibt, existiert auch kein einheitliches Verfahren bei der Meldung der Anschriften an das Statistische Bundesamt.


IV. Belege für Statistikmängel

Von 1996 bis zum Jahr 2000 warnte das Statistische Bundesamt in seinen eigenen Mitteilungen jedes Jahr selbst davor, die von ihm veröffentlichten Zahlen als zuverlässig zu betrachten. Häufig lägen bei den Landesärztekammern, so die jahrelang mitgelieferte Formulierung: 

„keine oder nur unzureichende Erkenntnisse vor. Eine Vorbefragung von ambulant niedergelassenen Gynäkologinnen und Gynäkologen ausgewählter Bundesländer zur Klärung des Kreises der Auskunftspflichtigen durch das Statistische Bundesamt führte ebenfalls nicht zur sicheren Abgrenzung, da die Wahrhaftigkeit der Antwort nicht überprüfbar ist. Auch Antwortverweigerungen waren zu verzeichnen. So ist nicht auszuschließen, dass ambulante Einrichtungen, in denen Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden, weder den Landesärztekammern noch dem Statistischen Bundesamt bekannt sind. Außerdem sind in den Zahlen der Schwangerschaftsabbruchstatistik die unter einer anderen Diagnose abgerechneten und die im Ausland vorgenommenen Schwangerschaftsabbrüche nicht enthalten.“

Quelle: Statistisches Bundesamt

Seit 2001 fehlen diese Warnungen, obwohl sich weder die Rechtsgrundlagen der Abtreibungsstatistik noch die Meldeverfahren geändert haben.

Laut Manfred Spieker, Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück, lässt sich beispielsweise für das Jahr 1996 „ein Meldedefizit von rund 55 Prozent“ bei Abtreibungen „nach medizinischer und kriminologischer Indikation nachweisen“. „Während das Statistische Bundesamt 4.874 Abtreibungen verzeichnete, wurden allein bei den gesetzlichen Krankenkassen, die diese Abtreibungen bis 1997 zu zahlen verpflichtet waren, 7.530 Fälle abgerechnet.“

Nehme man dieses Meldedefizit auch für die Abtreibungen nach der Beratungsregelung an, komme man bereits auf rund 200 000 Abtreibungen jährlich, „die dann noch um die unter anderen Ziffern der ärztlichen Gebührenordnung abgerechneten, um die von Privatkassen bezahlten, um die nach wie vor im Ausland vorgenommenen, um die Mehrlingsreduktionen nach In-vitro-Fertilisation und um die heimlichen Abtreibungen“ zu ergänzen seien. Da letztere auch noch nach der „Freigabe“ der Abtreibung in erheblichem Maße vorkämen, „kommt man nicht umhin, auch nach einer restriktiven Schätzung die Zahl der vom Statistischen Bundesamt gemeldeten jährlichen Abtreibungen zu verdoppeln.”

Quelle: M. Spieker, Kirche und Abtreibung 
in Deutschland, Paderborn 2000. S. 59 – 61.

Experten wie Spieker schätzen die Dunkelziffer auf 130.000. Hell- und Dunkelziffer ergeben also jährlich rund 260.000 Abtreibungen. Bezogen auf die Lebendgeburten würde demnach in Deutschland heute bereits jedes 3. gezeugte Kind abgetrieben.

Ausgewählte Literatur

  • Bevölkerung, Sonderheft der Schriftenreihe des Bundesinstituts für Bevölkerungswissenschaft (BiB), 2. Aufl. 2004, S. 31.
  • Stefan Rehder: Trau keiner Statistik. In: LebensForum Nr. 66 (2003) S. 9.
  • Statistisches Bundesamt (Hrsg.) Fachserie 12 Reihe 3: Gesundheitswesen/Schwangerschaftsabbrüche
  • Manfred Spieker: Kirche und Abtreibung in Deutschland. Paderborn 2000.